Der Wiedereinbezug Des Chaos

Daniel Odier

Auszug aus dem Buch: Freude: Das Glück im Herzen der Dinge entdecken

Die Angst in der unsere heutige Gesellschaft lebt, hat uns dazu gebracht, das Chaos zu vergessen und nichts als Durcheinander und Katastrophe in ihm zu sehen. Kehren wir einen Moment zur griechischen Mythologie zurück. Sie wird uns helfen, die Kreativität des Chaos zu sehen und es wieder in unsere Leben einzubeziehen.

Das Chaos war als Allererstes da, eine Art schwimmendes, undifferenziertes Magma, voll offener Energien. Dann tauchen plötzlich Gaia, die Erde, Eros, die Liebe, Nyx, die Nacht und Erebos, die Finsternis auf. In einem ersten verliebten Elan vereinigen sich Nyx und Erebos und führen damit zur Entstehung von Tag und Nacht. Darauf erscheinen Hass und Liebe, als ob sie einen Vorgeschmack auf das Chaos geben wollten.

Das Chaos als Energie wahrzunehmen genügt, um die Furcht, die wir vor allen chaotischen Zuständen haben, zu verringern und um unsere Vermeidungsstrategien zu beseitigen. Die Zeiten des Chaos sind wunderbar kreativ. Sie bedeuten das Ende eines Universums, das nur geoordnet tut und das Auftauchen einer neuen und schöpferischen Kraft. Falls wir es wagen, vor dem Chaos nicht die Flucht zu ergreifen, nicht die Augen zu verschliessen, macht es den Eindruck, in einem erschauernden Ozean zu schweben. Der Körper nimmt diese Energie auf, der Geist nährt sich davon und geht durch eine Phase von Entgiftung, von erholsamer Leere, in der die Samen der Kreativität keimen. Es ist das Ende einer Ordnung, der Anfang eines Aufbruchs.

Es gibt eine Art einschläfernder Schlappheit in der Harmonie. Der alleinige Wunsch, dort zu bleiben und sich darin einzurichten, ist der einfachste Ausdruck von Furcht.  Die Harmonieblase zu durchstechen, um das Chaos zu durchdringen, in dem die Harmonie zu schweben scheint, ist der Beginn eines grossen Abenteuers. Die Begegnung mit dem Ungewissen, die unsere von der Gewohnheit gelähmten Körper und Geist so anregt.

Etwas ist verdächtig bei der Verehrung der Harmonie. Ich stelle mir gerne einen Altar vor, auf dem man die kleine Buddhafigur durch eine Kompression des Künstlers César ersetzt, die das Chaos repräsentiert. Und jeden Morgen würden wir ihr unsere Hingabe in einer Meditation über das sich in uns befindende Chaos und seine unendlichen Möglichkeiten zum Opfer bringen. Nicht die Situationen sind chaotisch, sondern wie wir auf diese Situationen reagieren.

Das Chaos zu akzeptieren, in ihm zu schweben wie in einem wohltuenden Ozean, ist ein fröhlicher Zustand, aus dem die Angst verschwunden ist. Wir fühlen uns angeregt, dazu herausgefordert, die Dinge zu Tage treten zu lassen, und wir hören auf, alles kontrollieren zu wollen. Die Kontrolle ist direkt aus der Angst hervorgegangen völlig lebendig zu sein. Keine authentische Freude ohne Durchquerung des Chaos.

Übersetzung Veronika Sellier

 

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